Fassade Kontor-Gebäude 2015

Die Geschichte des Standortes an der Münzstraße im Überblick Genossenschaftszentrale - SA- und Wehrmachtskaserne - Gewerbestandort - Flüchtlingsunterkunft

Anfänge genossenschaftlicher Selbsthilfe

„Wir wollen unsere wirtschaftlichen Angelegenheiten in die eigenen Hände nehmen und darin behalten.“ Dieses Motto der 1844 gegründeten »Redlichen Pioniere«, einer frühen Bewegung genossenschaftlicher Selbsthilfe im englischen Rochdale, machten sich im Mai 1899 die Gründerväter, die Beteiligung von Frauen ist nicht überliefert, der sozialistischen Konsumgenossenschaft »Vorwärts« in Barmen zu eigen, die sich zu einer der größten Genossenschaften ihrer Art im Deutschen Reich entwickeln sollte.

 

Die Gründung erfolgte auf Beschluss der Gewerkschaftskommissionen von Elberfeld und Barmen mit 45 Mitgliederfamilien. Fünfundzwanzig Jahre später waren es bereits 48.000 Mitgliedshaushalte und 800 Beschäftigte. Das Versorgungsgebiet hatte sich bis in das südliche Westfalen nach Hagen ausgedehnt: Merkmale einer Erfolgsgeschichte.

Die Anfänge genossenschaftlicher Selbsthilfe im späteren Deutschen Reich gehen zurück auf liberal-demokratische Vorstellungen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ordnung, wie sie Hermann Schulze-Delitzsch seit Mitte der 1840er Jahre popularisierte. Schulze-Delitzsch beabsichtigte mittelständische und Handwerksbetriebe in gemeinsamen Einkaufs-, Absatz- und Kreditgenossenschaften zusammenzufassen, um sie auf dem Freien Markt im Zeitalter der Industrialisierung langfristig konkurrenzfähig zu machen. Der Anspruch der sozialistischen Genossenschaftsbewegung unterschied sich hiervon grundlegend.

 

Umstrittenes Drei-Säulen-Modell der Arbeiterbewegung

Seit Ende der 1890er Jahre stritt die SPD über den geeignetsten Weg, wie der Kapitalismus zu überwinden sei. Die Partei entwickelte sich infolge der als Revisionismusstreit in die Geschichte eingegangenen Grundsatzdebatte von einer revolutionären zu einer Reformpartei, die eine sozialistische Gesellschaftsordnung auf evolutionärem Wege herbeiführen wollte. Nicht zufällig erlebte das kaiserliche Deutschland an der Schwelle zum 20. Jahrhundert besonders in den Industriezentren eine Gründungswelle sozialistischer Konsum- und Produktionsgenossenschaften. Der reformorientierte Flügel der Partei ging fortan von einem Drei-Säulen-Modell zur Überwindung des Kapitalismus aus: Partei – Gewerkschaften – Konsumgenossenschaften.

 

Ziele und Aufgaben

Den Konsumgenossenschaften ging es um viel mehr als die dauerhafte Gewährleistung existenzsichernder Lebensverhältnisse ihrer Mitglieder in der Gegenwart. Die Genossenschaften können als ein Nukleus gesellschaftlicher Transformation zum Sozialismus hin gedeutet werden. Den sozialen und technischen Fortschrittoptimismus der Zeit teilend, sollte die international vernetzte genossenschaftliche Selbsthilfe der Arbeiterbewegung einen wichtigen Beitrag zur Auflösung des Klassenantagonismus leisten. In den Genossenschaften konnte die sozialistische Gesellschaftsutopie zumindest partiell verwirklicht und erprobt werden. Daher galten Konsumgenossenschaften nicht wenigen Genossen als eine Hauptgrundlage der angestrebten sozialistischen Gesellschaft. Die Genossenschaften dienten in diesem Sinne der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Förderung ihrer Mitglieder und bildeten bis zur ihrer politischen Zerschlagung durch die Nationalsozialisten einen festen Bestandteil der Arbeiterkultur und Milieu-Struktur.

Dies gilt auch für die Konsumgenossenschaft »Vorwärts«. Der »Vorwärts« ging es darum, das realpolitisch Leistbare umzusetzen, ohne die Utopie aus den Augen zu verlieren. Die Genossenschaften verstanden sich in erster Linie als Korrektiv gegen den alltäglichen Preiswucher im Einzelhandel und schlechte Arbeitsbedingungen in Handel und Gewerbe. Zu den wichtigsten Anliegen der Konsumgenossenschaft gehörten die Verbesserung der Lebens-, Arbeits- und Wohnverhältnisse der Mitglieder. Das bedeutet konkret: die Versorgung der GenossInnen mit qualitativ hochwertigen und preiswerten Lebensmitteln sowie die tarifvertragliche Regelung der Arbeitsverhältnisse. Wie bei der technischen Entwicklung der Genossenschaftszentrale, die 1905 am Bahnhof Heubruch in der Münzstraße errichtet wurde (unterirdischer Gleisanschluss, 1916: modernste genossenschaftliche Großbäckerei), setzte die »Vorwärts« auch bei Arbeitsschutz und Arbeitshygiene Maßstäbe.

Zumindest für einige Mitgliederfamilien in der an die Münzstraße angrenzenden Elsternstraße, wo die Konsumgenossenschaft 1910 Wohnhäuser bauen ließ, bedeutete die Selbsthilfe auch preisgünstiges und komfortables Wohnen in modernen Wohnungen.

Über zahlreiche Verkaufsstellen (Ladenlokale), die bereits ab 1911 mit eigenen Automobilen beliefert wurden, versorgte die »Vorwärts« ihre Mitglieder kostengünstig mit Produkten, die entweder in der Münzstraße hergestellt wurden – wie besonders Brot und andere Backwaren – oder von anderen Genossenschaften bezogen wurden. Ferner verfügte die »Vorwärts« am Standort Münzstraße über eine Kaffeerösterei, eine Anlage zur Limonadenabfüllung und zahlreiche große Lagerräume.

Um sich gemäß der eigenen Ansprüche mit Waren und Gütern versorgen zu können, schlossen sich die sozialistischen Konsumgenossenschaften in der »Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Konsumvereine« (GEG) und in anderen überregionalen Verbänden zusammen. Die GEG verfügte über zahlreiche Fabriken im ganzen Deutschen Reich, die den im Verband zusammengeschlossenen Konsumgenossenschaften gehörten. Unter den spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen der Zeit war es den Konsumgenossenschaften damit in einem gewissen Umfang möglich, autark in der sie umgebenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu agieren und erfolgreich zu bestehen.

Ein weiteres wichtiges politisches Anliegen der Konsumgenossenschaft lag in der basisdemokratischen Mitbestimmung der Mitglieder in allen Fragen der Führung und Entwicklung des Unternehmens im Sinne einer selbstverwalteten sozialistischen Wirtschaftsordnung. Die Produktionsmittel sollten den Produktivkräften gehören, sofern diese Genossenschaftsmitglieder waren. Eigentum und Gewinne wurden vergemeinschaftet bzw. rückvergütet. Vor diesem Hintergrund erwuchs den Genossenschaften in den 1920er Jahren, es war die Blütezeit der sozialistischen Genossenschaftsbewegung, eine erhebliche Bedeutung in der gewerkschaftlichen Theoriebildung zum Konzept der Wirtschaftsdemokratie und solidarischen Wirtschaftens. 

Genossenschaftsdemokratie. Selbstbestimmung und Emanzipation

Eine Besonderheit der genossenschaftlichen Rechtsform besteht darin, dass sich sehr viele nicht kapitalkräftige Personen zusammenschließen und an einem Unternehmen beteiligen, dessen Kapital zur Förderung gemeinsamer politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Interessen eingesetzt wird. Neben der Versorgungssicherheit bietet die Genossenschaft Möglichkeiten zu gleichberechtigter politischer Partizipation hinsichtlich der Willensbildung zu unternehmenspolitischen Fragen, aber auch in Bezug auf die Entwicklung gesellschaftlicher Alternativen zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Das machte eine Mitgliedschaft für viele ArbeiterInnen attraktiv, trotz des nicht geringen Beitrages, mit welchem Unternehmensanteile erworben wurden.

Bei gleichem Stimmrecht von Mann und Frau verfügte jedes Genossenschaftsmitglied über eine Stimme in den Selbstverwaltungsgremien (Mitgliederversammlung bzw. VertreterInnenversammlung) unabhängig von der Höhe der Einlagen und der Zahl der erworbenen Anteile.

Die Verkaufsstellen waren die Keimzellen der Genossenschaftsdemokratie. Um 1912 verfügte die »Vorwärts« über mehr als 70 dieser Ladenlokale, die zugleich auch politische Bühnen waren. Hier vollzog sich die politische Willensbildung und demokratische Mitwirkung der Mitglieder. Jedes Mitglied war einer Verkaufsstelle in Wohnortnähe zugeordnet. In den regelmäßig stattfindenden Versammlungen (dezentrale Mitgliederversammlungen) wurden alle die Genossenschaft betreffenden Fragen erörtert und Delegierte für die VertreterInnenversammlung und für den Genossenschaftsrat gewählt.

 

Historische Zäsuren und Erinnerungsort

Der Erfolg des sozialistischen Konsumgenossenschaftsmodells verdeutlicht, dass basisdemokratische Unternehmensführung funktionieren kann, wenn Basis und Geschäftsführung solidarisch gemeinsame Interessen verfolgen. Die Konsumgenossenschaft »Vorwärts« entwickelte sich nach dem Ersten Weltkrieg rasant und stellte einen bedeutenden Versorgungsfaktor der Wuppertaler Bevölkerung da.  Ende der 1920er Jahre hatte die alte Zentrale an der Münzstraße die Grenzen ihrer Kapazität erreicht. 1928 begann man mit dem Neubau einer größeren Zentrale am Standort Clausen, der direkt an der Grenze zwischen Elberfeld und Barmen lag. Der imposante im Bauhausstil gehaltene Komplex wird noch heute gewerblich genutzt. Das Bauland erhielt die »Vorwärts« im Tausch für das Areal an der Münzstraße. Damit begann eine Phase dramatischer historischer Umbrüche der alten Genossenschaftszentrale, die hier nur grob skizziert werden können.

1933 stellte der Stadtrat von Wuppertal der SA die ehemalige Konsumgenossenschaftszentrale als Kaserne und Ausbildungsstätte für den Reitersturm 1/72 zur Verfügung. Von der Münzstraße ausgehend organisierte die SA die Verfolgung und Unterdrückung ihrer politischen Gegner und richtet in den Kellern ein illegales Gefängnis ein.  1935 wurde das SA-Hilfswerklager Nr. 4 in der Münzstraße untergebracht. Nur ein Jahr später zog die Wehrmacht in der Münzstraße ein und nutzte diese als provisorische Kaserne. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente die ehemalige Genossenschaftszentrale zunächst als Flüchtlingsheim. Seit den 1960er Jahren wurde das Areal städtisch und gewerblich in vielfältiger Weise genutzt und schließlich Anfang der 1990er Jahre wieder als Unterbringungsstelle für Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien eingesetzt. Nach der Schließung des denkmalgeschützten und baufälligen Gebäudekomplexes im Jahr 2000 fanden sich in Wuppertal GeschichtsaktivistInnen zusammen, die im Jahre 2004 den Förderverein Konsumgenossenschaft „Vorwärts“ Münzstraße e. V. gründeten, um den Gebäudekomplex als Erinnerungsort an die Geschichte der Wuppertaler ArbeiterInnenbewegung, an Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg zu bewahren. 

Salvador Oberhaus